Was es zu sein scheint
Ein kurzer Spaziergang.
Was es wirklich ist
Wenn ein Italiener dir vorschlägt, „zwei Schritte“ zu machen, mach dir keine Gedanken über die Entfernung.
Es könnten zweihundert Meter sein.
Oder fünf Kilometer.
In Wahrheit war die Entfernung nie der Punkt.
In Italien geht man spazieren, um zu reden.
Der Spaziergang dient nicht der Bewegung. Er verlängert einen Moment, den niemand beenden möchte. Nach dem Abendessen, nach einem Kaffee, nach einem Aperitivo schlägt fast zwangsläufig jemand vor:
„Facciamo due passi?“
Das ist eine höfliche Art zu sagen, dass das Gespräch noch nicht vorbei ist.
Oft gibt es nicht einmal ein Ziel. Man geht los, biegt um die Ecke, kommt auf den Platz, trifft jemanden, bleibt zum Grüßen stehen, ändert die Richtung, holt sich ein Eis und findet sich, ohne es wirklich zu merken, genau dort wieder, wo man angefangen hat.
Der italienische Spaziergang ist noch aus einem anderen Grund interessant.
Er dient nicht dazu, irgendwohin zu kommen.
Er dient dazu, gemeinsam im Unterwegssein zu bleiben.
Deshalb sind italienische Städte voller Orte, die eher zum langsamen Durchqueren als zum schnellen Ankommen gemacht sind: Plätze, Uferpromenaden, Arkaden, Altstädte, Hauptstraßen.
Das sind nicht nur städtische Räume.
Das sind Bühnenbilder für Beziehungen.
Szene
— Dove andiamo?
— Da nessuna parte.
— E allora?
— Facciamo due passi.
Eine Stunde später.
— Ma siamo tornati alla macchina.
— Certo.
Der Schlüssel zum Verständnis
Für Italiener ist ein Spaziergang kein Mittel, um einen Ort zu erreichen. Er ist ein Mittel, um einen Moment zu verlängern.
